Ich erzähle meine Bilder. 

Wenn ich ein Märchen erzähle, sehe ich es vor mir.
Den Weg. Den Wald. Die Königstochter am Fenster. Den Jungen, der loszieht, sein Glück zu finden.

Ich weiß natürlich, wie die Geschichte geht, aber ich weiß nie ganz genau, wie sie heute wird. Denn ich erzähle sie frei.

Ich schaue in die Gesichter der Menschen, die vor mir sitzen. Ich spüre, wenn sie mitgehen. Wenn jemand schon ahnt, was gleich geschieht. Und wann wir alle noch einen Moment länger bei einem Bild bleiben wollen.

Dann verändert sich etwas. Nicht die Geschichte, aber das Erzählen.

Hör doch mal rein.

Ich habe zwei kleine Ausschnitte ausgesucht, die dir einen Eindruck davon geben, wie meine Märchen beim Erzählen lebendig werden.

Der Hirsch mit dem zwölfzackigen Geweih. Ein Märchen aus Sibirien für Erwachsene.

Wie das Feuer auf die Erde kam. Ein Märchen aus Nordamerika für Kinder.

Ich mag diesen Moment.

Ich mag den Moment, wenn es still wird. Nicht die unruhige Stille, in der alle darauf warten, dass endlich etwas passiert, sondern die andere. Die, in der plötzlich alle da sind. Kinder können das wunderbar. Erwachsene übrigens auch, manchmal brauchen sie nur ein bisschen länger.

Dann sehen wir etwas, das gar nicht da ist. Einen goldenen Vogel vielleicht. Einen Riesen. Oder ein Mädchen, das mutiger ist, als es selbst geglaubt hat. Jeder sieht es etwas anders. Und trotzdem sind wir gemeinsam in derselben Geschichte.

Das fasziniert mich bis heute.

Wie das angefangen hat?

Irgendwann reichte es mir nicht mehr, Märchen nur zu lesen. Ich wollte sie erzählen. Also lernte ich bei dem Märchenpädagogen Klaus Dörre das freie Märchenerzählen. Acht Monate lang. Und dabei lernte ich vor allem eines: Eine Geschichte muss nicht im Kopf sitzen, sie muss in den Bilder sitzen.

Seitdem brauche ich beim Erzählen kein Buch und keinen auswendig gelernten Text. Ich habe die Geschichte in mir - und finde meine Worte in dem Moment, in dem ich sie erzähle. Vielleicht fühlt es sich deshalb auch nach all den Jahren noch so lebendig an.

Ich weiß, wohin die Reise geht. Aber ich gehe den Weg jedes Mal neu.


Und die Märchen?

Die sind schon viel länger unterwegs als ich. Sie sind von Mensch zu Mensch gewandert, durch Länder, Zeiten und Generationen. Jemand hat sie erzählt und jemand hat zugehört. Und irgendwann hat dieser Mensch die Geschichte einem anderen erzählt. Ich mag den Gedanken, dass ich heute Geschichten weitererzähle, die schon so viele Menschen vor mir erzählt haben.


Sie suchen eine Märchenerzählerin für ihre Veranstaltung?

Dann erzählen Sie mir ein wenig davon: wer wird zuhören, wo soll erzählt werden und was wünschen Sie sich für diesen besonderen Moment? Ich freue mich darauf, von Ihnen zu hören.

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